In Brasilien war Alfred Efting noch nie. Aber der 71-Jährige kennt sicher sehr viel mehr Menschen aus dem südamerikanischen Land als 99,9 Prozent der Westmünsterländer. Seit gut zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der gebürtige Gescheraner mit den Menschen dort - vor allem mit jenen, die aus dem Münsterland nach dorthin auswanderten.


Gut 1400 Namen von münsterländischen Brasilienauswanderern des 19. Jahrhunderts hat Alfred Efting bereits aufgeschrieben. „Immer wenn ich Zeit und Lust hatte, hab ich mich damit beschäftigt", sagt der Dorstener, der sich seit langem intensiv mit Familiengeschichte befasst. Zur Auswandererforschung mit dem Schwerpunkt Brasilien kam Efting eher zufällig, als sich bei einem Aufenthalt an der Mosel familiäre Verbindungen zu einem in Brasilien geborenen Kardinal auftaten. Seitdem hat Efting sehr viele Biografien weiterer Geistlicher mit deutschem Hintergrund erforscht, aber auch die Daten und Geschichten vieler einfacher Leute, die aus dem Westmünsterland nach Brasilien auswanderten.
Viele Westfalen habe es vor gut 150 Jahren in den Süden Brasiliens gezogen, weiß Efting. Dort seien die Deutschen oft zusammengeblieben und hätten ihre deutschen Wurzeln bewahrt - und oft auch die plattdeutsche Sprache. Noch heute könne er sich mit Brasilianern, die ihn wegen seinen reichen Fundus an Daten anrufen, auf Deutsch oder gar Plattdeutsch unterhalten.


Alfred Efting (71) hat sich intensiv mit der Geschichte der münsterländischen Auswanderung nach Brasilien befasst. Rund 1400 Namen hat der gebürtige Gescheraner zusammengetragen. Vor rund 150 Jahren suchten viele Westmünsterländer ihr Glück in Südamerika - darunter auch die Vorfahren des brasilianischen Fußballweltmeisters von 2002, Rivaldo. Foto: Barnekamp

„Da merken Sie manchmal gar nicht, dass das Brasilianer sind".
Wenn Alfred Efting mit Übersee telefoniert, wird meist Deutsch gesprochen.

„Da merken Sie manchmal gar nicht, dass das Brasilianer sind", sagt Alfred Efting, der den Südamerikanern gerne bei ihrer Familiengeschichte weiterhilft. Auch mit anderen Genealogen aus der Region wie Martin Holz aus Rosendahl und Geschers Stadtarchivar Willi Wiemold arbeitet er zusammen, zum Teil in der „Arbeitsgruppe münsterländische Brasilienauswanderer". Warum die Deutschen damals überhaupt Richtung Brasilien ausgewandert seien? „Die Leute hatten ja nix zu essen hier. Vom Beruf her reichte das vom Schuster bis zum Landwirt", sagt Efting. Als der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) die Leute davon abhielt, bei ihrer Auswanderung Nordamerika anzusteuern, ging es vor rund 150 Jahren oft weiter südlich. So mancher Westmünsterländer habe erst an Bord erfahren, dass es nach Süd- statt nach Nordamerika gehe. „Kameraden, haltet euch fest, es geht nach Brasilien, hieß es da wohl", lacht Efting.

Auch haben offenbar vor 150 Jahren zum Teil vom brasilianischen Staat bezahlte „Agenten" im Westmünsterland Auswanderer angeworben, wie der Winters-wijker Bolwerk und die Firma Delrue. Letztere wollte 1846 allein 130 Auswanderungswillige aus Epe nach Brasilien locken. Letztlich scheiterte das Projekt aber an den Behörden, die den Eperanern keine Entlas-sungsürkunden aus der preußischen Staatsbürgerschaft ausstellen wollten.
Dennoch suchten neben den Wiechers aus Vardingholt, den Voss aus Schöppingen, den Soppes aus Velen, dem Ramsdorfer Johann Beving noch viele weitere Männern, Frauen und Kinder aus dem Westmünsterland ihr Glück im brasilianischen Süden. Unter ihnen auch: Der Südlohner Gastwirt Stephan Bröring, der 1860 samt achtköpfiger Kinderschar sein Glück im brasilianischen Santa Catarina suchte. Eine der Töchter, die damals 13-jährige Maria Mathilde heiratet später nach Recherchen von Alfred Efting den Brasilianer Joao Fereira. Ihr Ur-Ur-Enkel hört auf den Namen Rivaldo - ein in Fußballerkreisen klangvoller Name. Der Mann mit der  Nummer  Zehn  wurde 2002 mit Brasilien Weltmeister, 1999 Weltfußballer, spielte beim FC Barcelona und wurde 2003 mit dem AC Mailand Champions-League-Sieger.


Hat westmünsterländische Wurzeln:
Der Weltfußballer Rivaldo.

„Das war eine Mordsarbeit", blickt Efting heute auf die Recherchen im Fall Rivaldo  zurück,  die  Efting 2003  bekannt machten. Leider, so Efting, habe sich der brasilianische Fußballstar aber nicht bei ihm gemeldet.
„Mir macht es Spaß, anderen Leute weiterhelfen zu könne", macht es Efting dennoch Spaß, wenn seine zeitaufwendigen    Forschungen andere weiterbringen. So hat er beispielsweise sehr viel Fakten zu portugiesischsprachigen Büchern beigesteuert, etwa zur „Historia de un familia" über die Dirksens oder über die westfälischen Familien in der „Colonia Aleman Theresöpolis 1860-1910."

Obschon der 71-Jährige schon so viele Fragen zum Thema Auswanderung beantwortet hat, bei einer ist er sich nicht sicher, was er antworten soll. Ob er selbst denn früher auch ausgewandert wäre? „Vielleicht, vielleicht hätte ich das auch gemacht", sagt Alfred Efting.


Auswanderung nach Brasilien
Als einer der ersten Auswanderer aus Westfalen Richtung Brasilien wurde 1834 Daniel Reesa aus Südlohn aktenkundig. Auf rund 8.500 wird die Zahl der Auswanderer aus Westfalen nach Südamerika im 19. Jahrhundert geschätzt - relativ wenig im Vergleich zu den gut 200.000 Westfalen, die im gleichen Zeitraum in Nordamerika ein neues Zuhause fanden. Unter den Südamerika-Auswanderern waren vergleichsweise viele ländliche Handwerker. Das Gros stellten aber Mägde, Heuerlinge, Kleinpächter und Knechte. Wie auch in den USA bleiben viele westfälische Auswanderer in der neuen Heimat zusammen. „Die Leute hier sind fast alle Westfalen, aus der Gegend von Schöp-pingen, Epe, Ahaus, Gescher, Lette usw. Sie sind vor ca. 30 Jahren ausgewandert, haben ihr münsterländisches Platt vollständig beibehalten, so daß hier fast nichts anderes als Platt gesprochen wird", schrieb der Waren-dorfer Pfarrer Franz Topp 1890 aus Braco de Norte in die Heimat.

Münsterland Zeitung 08.06.2013

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