Eine Kiste, ein Foto und ein Anruf brachten den Kanadier Timothy Taylor zu einem Ort, an dem seine Mutter Schutz vor NS-Verfolgung gefunden hatte.

Diese Fotografien stammen aus dem Kriegsjahr 1944. Lange war unklar, auf welchem ​​Hof ​​sie entstanden sind. Heute weiß man, es war der Kotten der Familie Janning-Picker in Telgte. Foto: privat

n diesem Sommer fand an der Wöste in Telgte eine besondere Begegnung statt. Heute erinnert äußerlich kaum noch etwas an den Kotten, der hier einst stand. Auf dem Gelände befindet sich inzwischen die Takko-Hauptverwaltung. Für den eigens angereisten kanadischen Autor, Journalisten und Professor Timothy Taylor war dieser Ort dennoch weit mehr als ein veränderter Schauplatz. Hier hatte seine Mutter Ursula Kuppenheim im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung gefunden. Obwohl Ursula Kuppenheim und ihre Familie evangelisch getauft waren, spielte dies für die rassistische Ideologie des NS-Staates keine Rolle: Sie galt nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als sogenannter „Mischling ersten Grades“.

Eine Kiste mit Bedeutung
Dass Taylor diesen Ort überhaupt fand, dank einer jahrelangen Suche, deren Anfang in einer außergewöhnlichen Familiennachlass lag. Rund 10.000 Seiten mit Briefen, Tagebüchern, Dokumenten und Fotografien waren über Jahrzehnte von seinem Großvater Felix Kuppenheim gesammelt und aufbewahrt worden. Felix Kuppenheim wurde selbst ins Exil vertrieben. Nach dem Tod seiner Mutter gelangte sie schließlich zu Taylor. Als sie im Sterben lag, soll sie auf die Kisten gezeigt und Timothys Schwester gebeten haben, die Kisten zu Taylor zu bringen, verbunden mit der Hoffnung, er werde wissen, was damit zu tun sei.

Taylor wusste es zunächst nicht. Doch je tiefer er in die Unterlagen eintauchte, desto deutlicher wurde, dass darin nicht nur eine private Familiengeschichte bewahrt war, sondern ein Zeugnis von Verfolgung, Exil, Überleben und Erinnerung. Was Felix Kuppenheim über Jahrzehnte aufgehoben hatte, wurde für Taylor allmählich einem Auftrag – ja zu einem Teil seines Lebenswerkes.

Aus diesem Vermächtnis erwuchs eine sechs- bis siebenjährige Nachforschung, in der Taylor den Spuren seiner Vorfahren folgte und ihre Geschichte Stück für Stück freilegte.

Ein besonderes Foto
Inmitten der Dokumente fand sich auch ein Foto, das für die Spur nach Telgte besondere Bedeutung bekam: Es zeigte seine Mutter Ursula Kuppenheim als 14-jähriges Mädchen auf einem Kotten im Münsterland, an ihrer Seite ein kleines Kind. Ein wichtiger Hinweis war die Beschriftung des Fotos, durch die sich die Aufnahme auf das Jahr 1944 datieren ließ. Es stammt ebenfalls aus jener Zeit, in der Taylor aus den Erzählungen seiner Mutter wusste, dass sie auf Bauernhöfen versteckt gewesen war.

Wo die Aufnahme entstand war und wer das Kind neben Ursula war, blieb lange ungeklärt. Dass aus dem Foto schließlich eine konkrete Spur nach Telgte wurde, verdankt Taylor auch der Unterstützung von Dr. Barbara Elkeles vom Telgter Verein „Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte“. Mithilfe von Gisbert Strotdrees, Redakteur des „Wochenblattes für Landwirtschaft und Landleben“ und Historiker, konnte das Foto in der Weihnachtsausgabe 2024 des Wochenblattes veröffentlicht werden. Gesucht wurden der Ort der Aufnahme und das Kind, das neben Ursula Kuppenheim zu sehen war.

Bereits am Folgetag der Veröffentlichung kam der entscheidende Anruf. „Ich bin das kleine Mädchen auf dem Bild“, sagte die Frau am Telefon. Es war Elisabeth Fockenbrock, geborene Janning-Picker. Sie besaßen selbst Abzüge derselben Fotos. Als die Aufnahmen entstanden, waren sie etwa anderthalb Jahre alt; Ursula Kuppenheim sei damals für sie so etwas wie ein Kindermädchen gewesen. Damit erhielt das Foto nicht nur einen Namen, sondern auch einen Ort: Die Aufnahme war an einem Kotten der Familie Janning-Picker entstanden, dessen frühere Hofstelle an der Wöste nun zum Ort der Begegnung wurde.

Dort kamen zunächst jene Menschen zusammen, die die Suche nach dem früheren Kotten und dem Mädchen auf dem Foto begleitet hatten oder auf unterschiedliche Weise mit diesem Ort verbunden sind. Anwesend waren Maria Janning-Picker und Cäcilia Janning-Picker, Schwestern von Elisabeth Fockenbrock. Elisabeth selbst traf Taylor später am Tag in Versmold. Auch Sarah Janning-Picker, eine Nichte Elisabeths, war eigens aus Hamburg angereist.

Ebenfalls übernommen wurden Taylors Ehefrau, der kanadische Historiker und Dokumentarproduzent Dr. Anthony Cantor, Dr. Barbara Elkeles sowie Prof. em. Peter Kröner an der Begegnung teil. Kröner, der als letzter noch auf der ursprünglichen Hofstelle gelebt hatte, bevor diese abgerissen wurde, empfing die Gäste an der Wöste und öffnete mit seinen Erinnerungen und Fotoalben einen weiteren Zugang zur Geschichte des Ortes.

Unterschlupf für Verfolgte

Dass Theresia und Bernhard Janning-Picker, die Eltern von Elisabeth Fockenbrock, das Mädchen damals auf ihren Kottenaufnahmen, war weit mehr als eine Geste der Hilfsbereitschaft. Nach Erinnerungen aus der Familie hatte eine Tante das Versteck vermittelt. Wer einem Menschen Schutz gewährte, der nach der Ideologie des NS-Staates verfolgt wurde, handelte gegen ein System, das Ausgrenzung, Denunziation und Gehorsam verlangte. Solche Hilfe konnte auch die Helfenden selbst in Gefahr bringen.

Dass der Kotten der Familie Janning-Picker ein Ort des Schutzes war, zeigt sich auch an einer weiteren Geschichte. Nach Angaben der Familie konnte sich dort zeitweise auch Paul Litten verstecken, ein früherer Landgerichtsdirektor in Münster. Er war 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung degradiert, später zwangsweise pensioniert und im letzten Kriegsjahr zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen worden. Nachdem ihm die Flucht gelungen war, wurde er zunächst von einem Nachbarn, dem Chefarzt des Krankenhauses in Sendenhorst, versteckt. Später half ihm der Telgter Unternehmer August Winkhaus, sich unter falschem Namen und ohne Papiere bis Kriegsende auf dem Hof zu verbergen.

2026 wb 2Die Bemühungen der Spurensuche kamen auf der früheren Hofstelle der Familie Janning-Picker zusammen. Von links: Maria Janning-Picker, Prof. em. Peter Kröner, Cäcilia Janning-Picker, Timothy Taylor mit seiner Ehefrau, Dr. Anthony Cantor, Sarah Janning-Picker und Dr. Barbara Elkeles.
Foto: Erd

„Das ist meine Ulla“
In der Familie werden Theresia und Bernhard Janning-Picker bis heute als offene, zugewandte und hilfsbereite Menschen beschrieben, die sich selbst nicht in den Vordergrund stellt. Ihr katholischer Glaube habe ihr Leben geprägt, ebenso die besondere Wallfahrtsgeschichte Telgtes. Ein Angehöriger fasste diese Haltung an diesem Tag in einem schlichten Satz zusammen: „Wo Hilfe gebraucht wurde, wurde geholfen.“ Nach dem Besuch an der Wöste führte die Spur am Nachmittag weiter nach Versmold. Dort traf Taylor Elisabeth Fockenbrock, die Frau, die sich nach der Veröffentlichung des Fotos im Wochenblatt gemeldet hatte. Ihr Satz am Telefon hatte der jahrelangen Suche plötzlich eine menschliche Stimme gegeben. Elisabeth Fockenbrock erinnerte sich tatsächlich noch an Ursula Kuppenheim. „Das ist meine Ulla“, sagte sie lebhaft über ihr früheres Kindermädchen, dem sie als kleines Kind bei der Kartoffelernte immer hinterhergekrabbelt sei.

Als Taylor an diesem Tag auf Menschen traf, deren Familie seiner Mutter Schutz gewährt hatte, schloss sich ein Kreis, ohne dass die Geschichte damit abgeschlossen wäre. Aus einzelnen Dokumenten war eine Erzählung geworden, aus einem rätselhaften Bild eine Verbindung zwischen Familien und Generationen. Oder, wie es an diesem Tag formuliert wurde: „Erinnerung braucht Zukunft – und Zukunft braucht Erinnerung.“

 

Wochenblatt 37/2026 / KULTUR UND FREIZEIT - Moritz Erd, freier Autor

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