Hape Kerkelings Großvater war Kommunist, Nazi-Verfolgter, KZ-Häftling. Hermann Kerkeling war aber auch Einbrecher und Dieb.
 
Familie Kerkeling bei einem Besuch in Köln Anfang der 1930er-Jahre. Rechts im Bild das Ehepaar Hermann und Berta Kerkeling. © Privat

Darum geht´s

Hape Kerkeling ehrte seinen Großvater für Widerstand gegen das Nazi-Regime.
Dokumente enthüllen Mittäterschaft bei Einbrüchen und Diebstählen.
Bislang keine Stellungnahme von Hape Kerkeling zu neuen Erkenntnissen.

Was erzählt man über einen Menschen, der von den Nazis verfolgt wurde – und zugleich wegen schwerer Straftaten verurteilt war?

Diese Frage stellt sich bei Hermann Anton Kerkeling, dem Großvater von Hape Kerkeling. Der Entertainer hatte ihm bei der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 81 Jahren einen zentralen Teil seiner Rede gewidmet. Er sprach über den KZ-Häftling Nr. 6177, über einen Mann, den das NS-Regime als „Hochverräter“ verfolgte, weil er „die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt“ habe. Kerkelings Appell war deutlich: „Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt. Denn die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das ‚Nie wieder‘ kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass ist“

Das war der Blick auf Hermann Kerkeling als politischen Verfolgten, Kommunisten und KZ-Häftling.
Doch Recherchen zu Spuren der Familie Kerkeling in Legden und Asbeck führen nun zu einer zweiten, deutlich schwierigeren Seite dieser Biografie.

Kerkeling als Anführer einer Diebesbande

Zeitgenössische Zeitungsausschnitte aus den Jahren 1932 und 1933 zeigen: Hermann Anton Kerkeling wurde nicht nur politisch verfolgt. Er wurde auch mit zahlreichen Straftaten in Verbindung gebracht.

Die Wanne-Eickeler Zeitung berichtete am 3. Juni 1933 von einem „großen Schlag der Recklinghäuser Kriminalpolizei“. Insgesamt sei es um 80 Straftaten gegangen, verübt von zwei Banden aus Scherlebeck, dem Wohnort von Hermann Kerkeling und seiner Ehefrau Berta. Genannt werden Einbrüche, Diebstähle, teils auch Taten unter Einsatz von Waffengewalt. Tatorte lagen demnach unter anderem im Raum Recklinghausen, Bochum, Lette, Reken und im Münsterland. In dem Bericht ist von 19 „gefährlichen Einbrechern“ die Rede. Hermann Kerkeling wird darin als „berüchtigter Einbrecher“ bezeichnet. Er soll eine zweite Gruppe von zehn Männern angeführt haben, die es vor allem auf Stallungen und Tiere abgesehen hatte.

„Schrecken der Bauerschaft“ Auch das Westfälische Volksblatt berichtete am 12. Oktober 1933 über die Bande. Überschrift: „Schrecken der Bauerschaft“. Einsam gelegene Höfe im Vest Recklinghausen und im angrenzenden Münsterland seien im Herbst und Winter des Vorjahres Ziel der Täter gewesen. Von Scherlebeck aus seien sie dem Bericht zufolge nachts mit Fahrrädern losgezogen. Auf den Weiden seien Tiere getötet und ausgenommen worden.

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Hape Kerkeling als Enkel eines ehemaligen Häftlings hielt eine Ansprache beim Festakt zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald.
© picture alliance/dpa

Auch in diesem Artikel wird Hermann Kerkeling genannt: als „erheblich vorbestrafter Arbeiter“ und als Anführer der Bande. Er soll an allen 17 Diebstählen beteiligt gewesen sein, die dieser Gruppe zugeschrieben wurden. Im Oktober 1933 wurde Hermann Kerkeling wegen Bandendiebstahls zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Verurteilung wegen Hochverrats

Wenige Wochen später stand Kerkeling erneut vor Gericht. Diesmal ging es nicht um Diebstahl, sondern um Politik.Im Dezember 1933 musste er sich wegen „Vorbereitung des Hochverrats“ verantworten. Hintergrund war die Herstellung und Verbreitung der kommunistischen Druckschrift „Rote Welle“. Das Oberlandesgericht Hamm verhängte eine Zusatzstrafe von einem Jahr. Damit erhöhte sich die Gesamtstrafe auf neun Jahre Zuchthaus.

Kerkeling saß seine Strafe unter anderem in Münster, Papenburg und Bremen ab. 1942 kam er in das Konzentrationslager Buchenwald. Nach der Befreiung des Lagers 1945 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebte er in Recklinghausen. Dort starb er 1993.

Ungeklärte Spur nach Legden

Auch in Legden wird Hermann Kerkeling mit einer Tat auf einem Bauernhof in Verbindung gebracht. 1932 sollen zwei maskierte Männer in ein Gebäude eingedrungen sein, den Hofbesitzer mit einer Waffe bedroht und sogar geschossen haben. Der Hofbesitzer soll die Täter mit einem Schürhaken in die Flucht geschlagen haben.

Beweise dafür, dass Hermann Anton Kerkeling einer der Täter war, gibt es nicht. Offiziell wurden die Täter nie gefasst.
In der Familie des Hofbesitzers hält sich jedoch bis heute die Erzählung, dieser habe Hermann Kerkeling erkannt, ihn aber aus Rücksicht auf dessen Familie und wegen der besonderen Umstände der Zeit nicht angezeigt. In der Diele des Hofes sollen noch heute Einschusslöcher sichtbar sein. Die Familie Kerkeling und auch Hape Kerkeling selbst halten es nach dem vorliegenden Mail-Austausch mit Nachkommen des Hofbesitzers für sehr unwahrscheinlich, dass Hermann Kerkeling an dieser Tat beteiligt war.

Warum diese Biografie kompliziert bleibt

Die neuen Funde ändern nichts daran, dass Hermann Kerkeling von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Sie zeigen aber, dass seine Biografie offenbar nicht nur aus politischem Widerstand bestand.
Sie bestand auch aus Straftaten, Vorstrafen und einer Verurteilung wegen Bandendiebstahls. Beides steht nun nebeneinander: der Nazi-Verfolgte und KZ-Häftling – und der Mann, den damalige Berichte als Anführer einer Diebesbande beschrieben.

Genau darin liegt die Brisanz. Hape Kerkeling hat in Buchenwald an den politischen Häftling erinnert. Die nun aufgetauchten Dokumente werfen die Frage auf, wie vollständig dieses Bild ist – und wie eine Familie, aber auch die Öffentlichkeit, mit widersprüchlichen Lebensgeschichten umgeht. Zu den dokumentierten Straftaten aus den 1930er-Jahren und zur Rolle seines Großvaters hat sich Hape Kerkeling bislang nicht geäußert. Mehrfache Anfragen unserer Redaktion blieben unbeantwortet.

 
 
Münsterland Zeitung Legden 28.08.2026 //  Christiane Hildebrand-Stubbe Redakteurin

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