Eine Reise von Legden nach Ohio
1867 wanderten Bernhard und Christina Lammert mit 200 Talern nach Amerika aus.Heinrich Liesner hat ihre Geschichte über viele Jahrzehnte erforscht.

Als Heinrich Liesner mit einem prall gefüllten Aktenordner in die Redaktion kommt, hat er nicht nur Familienpapiere dabei. Er legt eine Geschichte auf den Tisch, die in Legden beginnt und bis heute nach Ohio in Amerika reicht.

FOTO Schulze Beikel   Liesner1Einen ganzen Ordner voller Dokumente, Fotos und Rechercheergebnissen hat Heinrich Liesner über die Geschichte seines Urgroßonkels zusammengetragen. FOTO Schulze Beikel

 

Seit mehr als 30 Jahren forscht der 74-Jährige Legdener über das Leben seines Urgroßonkels Bernhard Lammert, der 1867 mit seiner Frau Christina in die USA auswanderte. Aus Briefen, Kirchenbüchern, Hofakten, Fotos und Todesanzeigen hat Liesner ein Familienbild zusammengesetzt, das zugleich ein Stück westfälischer Auswanderungsgeschichte erzählt.

Die eindringlichste Quelle darin ist ein Brief aus Minster, Ohio, vom 24. Juli 1886. „Lieber Bruder und Schwägerin!“, schreibt Bernhard Lammert in die alte Heimat. Dann folgt ein Satz, der die Härte des Aufbruchs noch Jahrzehnte später spürbar macht: „Wenn ich zurückdenke, dann schaudert mir, denn die ersten 10 Jahre, die wir hier waren, haben wir fast in Krankheit zugebracht.“

Es ist ein Blick zurück, fast 20 Jahre nach der Abreise. Bernhard Lammert wurde am 29. August 1835 in der Bauerschaft Beikelort geboren. Am 26. März 1867 heiratete er Christina Berning, die aus der Nachbarschaft stammte. Nur vier Tage später, am 30. März, verließ das Paar mit 200 Talern die Heimat in Richtung Amerika. Über die Überfahrt ist nichts bekannt.

Doch schon die wenigen gesicherten Daten zeigen, wie endgültig dieser Schritt gewesen sein muss. Wer 1867 aus dem Münsterland auswanderte, ließ seine Familie und vertraute Lebensverhältnisse hinter sich, meist in der Gewissheit, niemals zurückzukehren.

FOTO Schulze Beikel   Liesner2

Heinrich Liesners Familienarchiv enthält so einige Schätze. Er ist nicht nur im Besitz des ersten Briefes den sein Urgroßonkel in die Heimat geschickt hat, auch Fotos des mutigen Auswandererpaars befinden sich im Ordner. FOTO Heinrich Liesner

 

Für viele Menschen jener Zeit war die Auswanderung ein Versuch, wirtschaftlicher Enge zu entkommen. Land war knapp, die Bevölkerung wuchs, sichere Perspektiven waren rar. Gerade in ländlichen Regionen Westfalens bedeutete Amerika für viele die Hoffnung auf Arbeit, auf mehr Eigenständigkeit und auf bessere Chancen für die nächste Generation.

Zugleich war die Auswanderung ein Wagnis. Die Reise dauerte Wochen, Nachrichten brauchten Monate, und oft wusste niemand genau, was ihn in der neuen Welt erwartete.

Wiedersehen mit Legdenern
Dass Bernhard und Christina Lammert in Ohio landeten, war wohl kein Zufall. Dort gab es bereits Kontakte aus der Heimat. Die Familie Elsbernd aus Legden lebte schon in der Region. Solche Netzwerke waren im 19. Jahrhundert oft entscheidend. Wer Verwandte, Nachbarn oder Bekannte vor Ort hatte, fand leichter Unterkunft, Arbeit und Orientierung.

Auch im Fall Lammert blieben diese Verbindungen tragend. Die Familien kannten sich schon aus Deutschland und trafen sich in Amerika wieder. Später heirateten zwei ihrer Kinder sogar in die Familie ein.

Niedergelassen hat sich das Ehepaar schließlich in Minster, einer Siedlung mit vielen deutschstämmigen Einwanderern. Dort bekam die Familie fünf Kinder. Der Brief von 1886 zeigt, dass der Neuanfang alles andere als leicht war.

„Aber Gott sei dank haben wir keinen Hunger gelitten“, schreibt Lammert. „Denn soviel konnte ich in der Zwischenzeit noch verdienen, dass wir unser Leben machen konnten.“ Es ist kein Satz des Triumphs. Eher klingt darin Erleichterung mit, vielleicht auch Trotz.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Lammert mit dem Handwerk. „Das Holzschuhmachen geht hier ziemlich gut und ich habe Absatz genug“, berichtet er. Er arbeite „mit 2 Mann, ich und mein Sohn Bernard“. Auch das Material sei leichter zu bekommen als in der alten Heimat: „Das Holz ist hier besser zu haben wie bei euch.“ Landwirtschaft spielte für ihn dagegen nur eine Nebenrolle.

FOTO H  Liesner3

Der jüngste Sohn des Auswanderers, Joseph A. Lammert schrieb zweimal an seinen Vetter in Legden. Diese Briefe waren die Brücke nach Amerika für Heinrich Liesner. FOTO Heinrich Liesner

 

Der Brief zeigt damit auch, dass die Lebenswirklichkeit vieler Auswanderer differenzierter war als die verbreitete Vorstellung vom Siedler auf eigenem Land. Entscheidend war oft nicht Besitz, sondern die Fähigkeit, sich mit Arbeit und handwerklichem Können durchzuschlagen.

Dabei verklärt Lammert das Leben in Amerika keineswegs. „Aber lieber Bruder, denkt nicht darüber, da sind es alle wohlhabende Leute“, schreibt er; auch dort gebe es Armut. Zugleich beschreibt er einen Unterschied, der ihm wichtig erscheint: „Man sieht die Armut nicht soviel wie in Deutschland, denn die Leute halten hier mehr zusammen und unterstützen sich gegenseitig.“ In diesem Eindruck bündelt sich auch seine Bilanz des neuen Lebens: „Wer hier gesund ist und arbeiten kann und will, der kann auch sein Leben wohl machen“, doch gleich darauf schränkt er ein: „Denn in Amerika gibt es Lohn, aber es muss auch verdient werden.“ Zwischen diesen Sätzen liegt die ganze Ambivalenz der Auswanderung. Dass diese Geschichte heute so genau rekonstruiert werden kann, ist Heinrich Liesners Beharrlichkeit zu verdanken. Der Ausgangspunkt seiner Recherchen waren zwei Briefe, die sein Großvater aufbewahrt hatte. Geschrieben wurden sie 1924 und 1948 von Joseph A. Lammert, dem jüngsten Sohn des Auswanderers.

Den Schreiben entnahm Liesner Adressen in den USA. Er schrieb dorthin und begann zugleich in Kirchenbüchern, Hofakten und im Gemeindearchiv nach Spuren zu suchen. Als Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung hatte er Zugang zu vielen Unterlagen. Später kamen digitale Recherchemöglichkeiten hinzu.

Aus verstreuten Funden wurde im Lauf der Jahre ein dichtes Familienarchiv. Der Ordner enthält heute nicht nur Auswanderungspapiere, sondern auch Briefe, Fotos, Todesanzeigen und Dokumente über teils sechs Generationen. Der Kontakt nach Amerika lebt wieder auf. Noch heute gibt es Nachfahren im Raum Cincinnati. Lisener selbst war zweimal in Amerika und hat sich mit Verwandten getroffen. 2018 kommt ein Urururenkel nach Legden, um die Orte zu sehen, an denen seine Vorfahren geboren wurden und aufgewachsen waren.

Für Liesner ist die Geschichte damit nicht abgeschlossen. „Jetzt sind die Kinder dran“, sagt er abschließend.

 

Münsterlandzeitung 06.05.2026 Legden

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