Der einst populärste Mann in Stadtlohn ist jetzt wieder daheim


Udo Kemper hatte keine Ahnung, dass sein Urgroßvater Heinrich Simmerink ein Stadtlohner Original war. Das und noch mehr erfuhr er dank eines Gemäldes und frisch entfachtem Forscherdrang.
 
Was eine WhatsApp alles auslösen kann. Das ist schon bemerkenswert“, sagt Udo Kemper immer noch etwas ergriffen. Während eines Urlaubs in Österreich bekam er eine Nachricht von seiner Cousine: „Mein 93-jähriger Onkel aus Bayern musste gesundheitsbedingt in ein Altenheim umziehen. Bei der Wohnungsauflösung ist ein Gemälde aufgefallen, dass meine Verwandtschaft weder wegschmeißen noch verkaufen wollte. Da auf dem Bild mein Urgroßvater aus Stadtlohn zu sehen ist, fragte mich meine Cousine, ob ich ihn zurück in seine Heimat bringen möchte.“
Da war die Neugier von Udo Kemper natürlich geweckt und Kindheitserinnerungen kamen wieder hoch. „Das Ölgemälde hing einst bei meinem Opa im Wohnzimmer. Aber sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern sprachen nie über das Bild. Ich wusste also damals nicht, wer auf dem Gemälde zu sehen ist.“ Ein Gespräch mit seinem Onkel in Bayern, wo Udo Kemper auf der Urlaubsrückreise schließlich Halt machte, entfachte dann gänzlich seinen Forscherdrang. „Nachdem mein Onkel mir erzählt hatte, dass sogar mal ein Zeitungsartikel über meinen Urgroßvater erschienen ist, wollte ich mehr wissen“, so der 58-Jährige.
 
Das Stadtarchiv konnte helfen
Wieder daheim in Legden, wandte sich Udo Kemper also an die Münsterland Zeitung, die wiederum den Tipp gab, sich an das Stadtarchiv Stadtlohn zu wenden. „Ich kannte ja noch nicht einmal den Namen meines Urgroßvaters. Ich konnte dem Stadtarchiv also nur ein Foto von dem Gemälde, den Namen meines Opas und ein paar wenige Infos nennen. Etwa, dass mein Urgroßvater angeblich der erste Bierkutscher von Stadtlohn gewesen sein soll. Ich hatte also eigentlich wenig Hoffnung, etwas erfahren zu können“, so Udo Kemper.
Umso begeisterter war er dann, als er eine ausführliche E-Mail von Ulrich Söbbing aus dem Stadtarchiv Stadtlohn bekam - und das mit bemerkenswerten Informationen. Udo Kemper: „Gleich zwei Zeitungsartikel und die Sterbeurkunde meines Urgroßvaters, in der sogar noch seine Eltern aufgeführt sind, konnte er mir zuschicken. Und was ich da las, war wirklich außergewöhnlich.“

Denn bei Udo Kempers Urgroßvater handelte es sich um niemand geringeren als Heinrich Simmerink, in den zwanziger und dreißiger Jahren „unstreitig der populärste Mann in Stadtlohn“, wie 1963 in der Zeitungsserie „Kärls und Köppe“ geschrieben wurde. Und warum war er so populär? Auch das wird erklärt: „Wegen seiner kompakten Figur, die er auf nahezu drei Zentner brachte, wegen seiner Stentorstimme und seines Berufes, der ihn jeden Tag in unzählige Kneipen und Gasthöfe brachte, unzertrennlich mit seiner Stute Mieze und seinem zerbeulten Hut, der seinen mächtigen Schädel bedeckte.“ Er sei ein „grober Klotz“ mit „rauer Schale“, aber einem „guten Kern“ gewesen. Eben ein „echter Münsterländer von Schrot und Korn.“

Vor allem der berufliche Werdegang beeindruckte seinen Urenkel: „Er ist für seine Zeit sehr viel rumgekommen. Geboren 1876 in Coesfeld, erlernte er auch dort zunächst das Bäckerhandwerk. Dann sattelte er um und war in Herne als Brauer und Mälzer tätig.“ 1905 heiratete er die Tochter des Stadtlohner Ackerers Heinrich Berthues. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor.

Im Ersten Weltkrieg diente Heinrich Simmerink bei der Artillerie und nahm an den Schlachten um Verdun und bei Arras teil. „Danach zog es die Familie nach Stadtlohn“, so Kemper. Nachdem Heinrich Simmerink auf dem Holzplatz von Sümpelmann und in der alten Weberei von H. Hecking Söhne gearbeitet hatte, gründete er letztendlich seinen eigenen Bierverlag bei Vogtt hinter der Kirche.

Aus dem Zeitungsartikel hat Udo Kemper erfahren, dass sein Uropa sich mit dem Bierverlag im Jahr 1924 auf dem Kalterweg Nr. 22 niederließ: „Ist das nicht beeindruckend? Mit seinem Bierwagen lud er bei den Gaststätten in Stadtlohn, Vreden, Südlohn und Weseke die Bierfässer ab. In dem Artikel steht, dass er zum täglichen Erscheinungsbild gehörte und dass mit seinem Tod am 20. Februar 1939 einer der letzten Stadtlohner Originale ging.“

Dass Udo Kemper so viel über seinen Vorfahren herausfinden würde, damit hatte der 58-Jährige nicht gerechnet. „Im Oktober besuche ich wieder meinen Onkel in Bayern. Ich freue mich schon darauf, ihm von den neuen Erkenntnissen zu berichten“, sagt er. Und weiter: „Das Ölgemälde hat übrigens einen Ehrenplatz bei uns im Flur bekommen und wir werden nun ständig darauf angesprochen. Dass ich nun so viel darüber zu berichten weiß, ist wirklich toll.“ Die vielen Informationen will Udo Kemper nun gesammelt hinter dem Gemälde aufbewahren. „Für meine Nachfahren“, wie er sagt. „Damit nicht nochmal diese tolle Lebensgeschichte in Vergessenheit gerät.“

Und da Udo Kemper so viel Spaß an der Recherche hatte, kann er sich zukünftig sogar vorstellen, weiter die Vergangenheit zu erforschen: „Ich bin auf den Geschmack gekommen. Kalte Winterabende bieten sich wunderbar an, um zum Beispiel mal alte Sterbeurkunden auch von anderen Verwandten durchzusehen.“ Und auch zu diesem Ölgemälde müssen noch ein paar Fragen geklärt werden, wie er weiter sagt: „Ich weiß zum Beispiel noch nicht, wer dieses Kunstwerk angefertigt hat. Ulrich Söbbing vom Stadtarchiv vermutet, dass es vielleicht der Maler Theodor Terhechte gewesen sein könnte. Das wurde aber noch nicht abschließend geklärt.
 
Münsterland Zeitung 03.09.2022 - Von Lydia Klehn-Dressler

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