„Volkszählungen“ gab es hier schon vor mehr als 500 Jahren
Ein Besuch im Borkener Stadtarchiv
 
Wie wohnen Sie? Bekommen Sie Geld als Unterstützung vom Staat? Was ist ihre derzeitige Haupttätigkeit? Beim Zensus, dessen Stichtag der morgige Sonntag (15. Mai) ist, will der Staat von seinen Bürgern deutschlandweit so einiges wissen.
 
Thomas Hacker vom Stadtarchiv Borken kennt sich mit den Vorgängern moderner Volkszählungen aus. Solche Listen und Register füllen viele Kartons im Borkener Diebesturm.
 
KREIS BORKEN. Wie wohnen Sie? Bekommen Sie Geld als Unterstützung vom Staat? Was ist ihre derzeitige Haupttätigkeit? Beim Zensus, dessen Stichtag der morgige Sonntag (15. Mai) ist, will der Staat von seinen Bürgern deutschlandweit so einiges wissen. Rund 35.000 Personen aus dem Kreis Borken werden dazu in einer Stichprobe befragt, zudem weitere 6500, die in Gemeinschaftsunterkünften leben.
 
Neu ist die Idee, die Menschen zu zählen, beileibe nicht. Zahllose Kisten, Mappen und Aktenordner füllen volkszählungsähnliche Listen, Steuerunterlagen und Melderegister allein im Borkener Stadtarchiv. Sie sind eine interessante Quelle für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, aber auch für Familienforscher, wie Archivar Thomas Hacker von der Stadt Borken weiß. „50 bis 60 Prozent unserer Anfragen beziehen sich auf solche familiengeschichtliche Themen“, sagt Hacker. Er verwahrt viele der zum Teil fast 500 Jahre alten Listen vor Ort auf, andere Quellen für die Regionalgeschichte sind im Staatsarchiv Münster oder anderswo überliefert und teilweise schon online veröffentlicht.
 
Etliche Listen stehen schon online
So wie beispielsweise die Listen der sogenannten Willkommschatzung von 1498, die für fast alle Orte im heutigen Kreisgebiet die Namen aller Bewohner (mit Ausnahme von Geistlichkeit und Adel) auflistet, die älter als zwölf Jahre waren. Diese wurden damals erfasst, um für den neu gewählten Bischof die Kosten des Regierungswechsels einzutreiben. Daraus weiß man, dass in Stadtlohn selbst damals gerade einmal knapp 600 Über-Zwölf-Jährige lebten, in Borken waren es gerade 740, in den Kirchspielen drumherum knapp 380.
 
Weitere „Volkszählungen“, die mehr oder minder komplett für den Kreis Borken erhalten sind, sind die Listen des sogenannten „Status animarum“ („Stand der Seelen“) von 1749/50, bei dem die katholische Kirche ihre eigenen „Schäfchen“, aber auch Andersgläubige auflistete – für jedes Haus inklusive Alter, Beruf und Familienstand. Auch für die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts, als große Teile des heutigen Kreisgebietes zum Fürstentum Salm gehörten, gibt es solche umfassenden Listen mit den Namen aller Familiemitglieder inklusive Berufsbezeichnungen und Viehbestand.
 
„Für Borken ist der Status animarum leider verloren gegangen“, sagt Archivar Hacker, der Familienforschern bei der Suche nach Vorfahren jede Menge anderer Quellen anbieten kann. Für das 16. bis 18. Jahrhundert beispielsweise gibt es sehr viele Listen, die zur Erhebung von Steuern auf die Erwachsenen, das Vieh oder der Haushalte erfasst wurde. Für die spätere Zeit hat Hacker in den Beständen des Stadtarchivs Hausstandslisten aufbewahrt, Bürgerlisten ab 1811, Schüler- und Rekrutendaten sowie Bevölkerungslisten für einen Großteil des 19. Jahrhunderts. Erfasst wurden die älteren Daten unter anderem von Personen wie den Kirchspielsvorstehern. Wenn diese Analphabeten waren, sollten das des „Lesens und Schreibens mächtige“ Personen wie Schulmeister übernehmen, wie eine Vorschrift aus dem 19. Jahrhundert besagt.
 
Gezählt wurde oft beim Machtwechsel
Grundsätzlich sei es so, dass die Bevölkerung fast immer dann gezählt wurde, wenn ein neuer Landesherr das Sagen bekam, weiß Archivar Thomas Hacker. Das waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Franzosen, wenig später die Preußen. Mit Letzteren und ihrem modernen und in punkto Datenerfassung peniblen Verwaltungsstaat hielt dann auch im Westmünsterland die moderne Statistik Einzug – und so etwas wie Volkszählungen im modernen Sinne.
 
Eine Steuerliste aus dem 16. Jahrhundert.  Foto: Josef Barnekamp
 

So findet man Quellen:
Wer sich dafür Interessiert, ob seine Vorfahren in alten Steuerlisten, Melderegistern oder anderen Zählungen auftauchen, findet unter www.stadtarchiv.borken.de wertvolle Hinweise und Recherche. Dort gibt es weiterführende Links und Hinweise dazu, welche Quellen wie die Borkener Heiratsregister oder Kirchenbücher aus der Region man online findet und welche Fristen gelten. "Manche Daten sind bis 30 Jahre nach dem Tod oder 110 Jahre nach der Geburt einer Person gesperrt" weiß Hacker. Hilfreich für die Archivare ist es, wenn man Fragen vorab per E-Mail stellt. Für alle, die sich für Familienforschung interessieren ist auch die (AG) Westmünsterland Genealogie (https://www.wmgen.de/) eine prima Anlaufstelle.
 
 
Münsterland Zeitung Borken 14.05.2022 
 
 

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