
Johann Damm und Bernhard Efing emigrieren 1930 von Deutschland nach Brasilien. Damm findet in Brasilien eigenes Land und gründet eine Familie. Efing bleibt Händler, reist viel und trägt Heimweh nach Deutschlan
Als Johann Damm am 26. November 1930 in Vreden zu einem Gerichtstermin erscheinen soll, ist er schon nicht mehr zu erreichen. Freunde schreiben später, er sei in Lissabon angekommen. Vier Tage zuvor hat der junge Mann aus Doemern seine Heimat verlassen, zusammen mit seinem Nachbarn Bernhard Efing-Hesseling und Heinrich Waning aus Kleinemast. Sie fahren nach Bremerhaven und lassen ein Leben zurück, das für sie eng geworden ist.
Aufbruch ins Ungewisse
Johann Damm und Bernhard Efing kennen sich aus der Nachbarschaft. Sie streifen gemeinsam durch die Gegend, jagen und fangen Hasen. In den schlechten
Jahren der Weltwirtschaftskrise geht es dabei offenbar auch ums Essen. Die Gendarmerie wird aufmerksam. Auch als die Sache öffentlich und strafbar wird, verdichtet sich der Gedanke, fortzugehen, zu einem Plan.
Am 22. November 1930 brechen die drei auf. Ihr Ziel heißt Santo Christo im Süden Brasiliens. Was sie dort erwartet und ob sie bleiben können, wissen sie nicht. Zunächst liegen Bremerhaven, Lissabon und der Atlantik zwischen ihnen und dem Ort, an dem sie neu anfangen wollen.
© privat
Johann Damm erinnert sich später nicht an eine Reise voller Abenteuer. Er erzählt von Hunger und langen Wartezeiten, von einem Hotel, das für die jungen Männer zu teuer ist, und von vier Tagen Stillstand wegen eines Streiks in Rio Grande do Sul. Als sie in Santos ankommen, durchsucht man ihr Gepäck. Damm hat ein Jagdgewehr dabei, Kaliber 16, dazu 200 Schuss. Nach seiner Erinnerung dürfen die Männer erst weiter, nachdem sie 20 Milreis bezahlt haben. Weihnachten verbringen sie auf einem Küstendampfer. Heinrich Waning hält es nicht mehr aus.
Als er sieht, wie ein Hund aus einem Napf frisst, will er zurück nach Deutschland. Trotzdem setzen die drei ihre Reise fort. An Heiligabend erreichen sie Porto Alegre. Am nächsten Tag geht es mit einem Zug weiter, den Damm später einen „Pängelanton“ nennt. Funken fliegen, unterwegs brennt ein Zug. Von Santo Angelo fahren sie mit dem Wagen weiter; die letzten vier Kilometer laufen sie zu Fuß, bis sie bei Schroer in Santo Christo ankommen.
Johann Damm findet Land
Johann Damm arbeitet zunächst auf Schroers Tabakplantage. Zwei Monate später, so erzählt er es, bietet sich ihm die Möglichkeit, eigenes Land zu kaufen. 25 Hektar in der Kolonie kosten 7.500 Mil-réis. Damm zahlt 400 Milréis an und braucht das restliche Geld für Geräte zum Bauen. Tagsüber erntet er Tabak, nachts jagt er Quatis, die in den Maisfeldern Schaden anrichten. Es dauert, bis aus diesem Anfang ein Zuhause wird.
Damm heiratet und bekommt sechs Kinder. Am Ende seiner Erinnerungen steht ein schlichter Satz: „Heute können wir gut leben.“ Darin steckt die lange Reise, die Angst bei den Kontrollen und die Arbeit auf dem Feld. Und die Erfahrung, dass ein Mann, der in Doemern kein sicheres Auskommen vor sich sah, in Brasilien schließlich auf eigenem Land steht.
Mit 81 Jahren schickt Damm Grüße nach Doemern und Vreden. Seine beiden Begleiter seien schon tot, schreibt er. Ob Johann Damm und Bernhard Efing nach
den ersten Jahren in Brasilien noch eng verbunden blieben, sagen seine Erinnerungen nicht.
Bernhard Efing unterwegs
Für Bernhard Efing ist Brasilien nicht nur der gemeinsame Aufbruch mit Johann Damm. Als zweiter Sohn auf dem Pachthof Efing-Hesseling in Doemern hilft er auf dem Hof, wird ihn aber nicht erben. Die Reise in die Fremde ist für ihn deshalb auch die Hoffnung auf ein eigenes Leben.
Zunächst arbeitet er ebenfalls bei Schroer auf der Tabakplantage. Nach wenigen
Wochen hilft er an den Ruinen von Sao Miguel, einer ehemaligen Jesuiten-Reduktion. Kirche und Glockenturm sind erhalten.

Efing bleibt nicht lange an einem Ort. Er stellt Speiseeis her und verkauft es auf Märkten und Festen. Später lebt er in Santa Rosa und handelt mit Holzschlappen Eimern und Butterfässern. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, geraten Deutsche in Brasilien unter Misstrauen. Sie dürfen ihren Wohnort nicht verlassen, müssen sich jede Woche melden und die Nationalhymne singen. Efing erhält eine Sondergenehmigung und kann weiter handeln.
Unterschiedliche Lebenswege
Mit Pferd und Wagen ist er dann wochenlang unterwegs. Seine Handelsreisen dauern jeweils drei Wochen und führen ihn zu Kunden im Umkreis von 120 Kilometern. Nach der Heirat mit Elvira, einer Tochter deutscher Einwanderer aus dem Hunsrück, arbeitet er als Vertreter. Das Paar bekommt drei Kinder. 1952 fährt Bernhard Efing noch einmal nach Deutschland, um Verwandte und Bekannte zu besuchen.
Die Heimat, heißt es in Friedrich Volmers Buch, habe er nie vergessen und das Heimweh nie ganz überwunden. Anfang der 1960er Jahre erkrankt er an Gelbsucht. 1966 stirbt er an deren Folgen. Johann Damm findet in Brasilien Land und einen festen Platz für seine Familie. Bernhard Efing bleibt als Händler unterwegs und trägt die Sehnsucht nach Doemern weiter mit sich. Ihre Lebenswege unterscheiden sich deutlich, auch wenn sie am selben Novembermorgen begonnen haben.
Ob die beiden Freunde in Brasilien zusammenblieben oder sich verloren, lässt das überlieferte Material offen. Damm und Efing gehen in Brasilien unterschiedliche Wege durch die
Fremde. Friedrich Volmer hat diese und weitere Auswanderungserzählungen aus Doemern in seinem Band „Doemern – Dodingworden“ aus Tonbandaufnahmen und anderem Material festgehalten.
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