„Frauen in der bäuerlichen Lebenswelt - viel erlebt, viel ertragen, viel bewegt?“Antworten auf die Frage hat Regina Frenker in der Familiengeschichte bekommen.

Sie ist pensionierte Lehrerin, ehemalige Schulleiterin in Vreden. Ihre Fächer: Biologie und Mathematik. Geschichte hat Regina Frenker (72) nur selten unterrichtet, aber schon seit ihrer Jugend möchte sie wissen, was und wie alles war. Ihre Methode, um das herauszufinden? Intensive Recherche! Man könnte sogar sagen: echte Detektivarbeit. Begünstigt wird das durch einen wahren Fundus an Dokumenten in der eigenen Familie und in der ihres Mannes Hubert.

 

Regina Frenker hat intensiv in der Geschichte ihrer Familie und der ihres Mannes recherchiert und beeindruckende Biografien der Frauen gefunden. FOTO Christiane Hildebrand-Stubbe

 

Über Jahre hinweg sichtet sie Material, hört Zeitzeugen, sammelt und fügt schließlich alles Stück für Stück zu zwei Hofchroniken zusammen: die des Hofes Fier, einer der ältesten in Asbeck, und die des Gutshofs Frenker-Hackfort in Alstätte. Veröffentlicht werden die gedruckten Exemplare allerdings nicht; sie sind nur für den privaten Gebrauch bestimmt.

 

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Von sechs Frauen - ein Foto der ältesten existiert nicht - hat Regina Frenker die Lebensgeschichte erforscht und festgehalten. FOTO Privat/Bramhoff Bianca


Internationales Frauenjahr

Jetzt also die Frauen. Wobei „jetzt“ gar nicht so ganz richtig ist, denn begegnet sind sie ihr, die weiblichen Vorfahren, ja schon während ihrer Arbeit an den beiden Hofchroniken. Und passend zum Thema haben die Vereinten Nationen 2026 zum „Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft“ erklärt. Regina Frenker aber beschränkt sich auf sechs Frauen der beiden Familien aus dem Münsterland. Deren Biografien stehen beispielhaft für die ihrer Zeitgenossinnen aus den vergangenen vier Jahrhunderten. Trotz einiger Fortschritte und Entwicklungen während dieser Zeit wird das Leben aller sechs von diesen drei K bestimmt: „Kinder, Küche, Kirche“.

Die Chronistin richtet ganz bewusst den Blick auf die Bäuerinnen und nicht auf unverheiratete Familienmitglieder, Mägde oder Haustöchter. Ihnen, den klag- und lautlosen Ehefrauen, Großmüttern, Müttern und Töchtern, gibt sie eine Stimme. Zu Wort kommen in Regina Frenkers neuem Projekt sechs Frauen ihrer Zeit: Urururgroßmutter Lisabeth (* vor 1694), Urgroßmutter Dina (* 1845), Großmutter Luise (* 1881), Großmutter mütterlicherseits Maria (* 1894), Mutter Änne (* 1921) und Schwiegermutter Hedwig (* 1922). Betrachtet werden sie in verschiedenen Lebensphasen und mit ihren Erfahrungen: Kindheit und Jugend, Bildung und Ausbildung, Liebe und Heirat, Muttersein, Arbeit, Glaube, Schicksalsschläge.

Kaufen ja, Lesen nein
Einige Schlaglichter: Die älteste ist Lisabeth Viers. Von ihr existiert kein Bild, und auch das Geburtsdatum ist unklar. Es muss aber vor 1694 liegen, da sie in diesem Jahr als Erwachsene eine Kirchenbank erworben hat.

Dokumentiert ist also, dass Lisabeth Viers (Fier) Geschäfte tätigen konnte. Ob sie lesen konnte, weiß Regina Frenker nicht. „Vermutlich nicht.“ Dank der Anschaffung konnten die Frauen während der Messe sitzen, was Männern erst 30 Jahre später vergönnt war. Mehr ist über Lisabeth nicht herauszufinden.

Urgroßmutter Dina ist erst acht Jahre alt, als ihre Eltern ihr Testament machen. Drei Wochen vor dem Tod von Mutter Anna. „XXX“ als Unterschrift zeugt davon, dass sie keine Schule besucht hat und des Schreibens und vermutlich auch des Lesens unkundig war.

Tochter Dina heiratet 1867 im Alter von 22 Jahren Johann Heinrich Fier. Acht ihrer Kinder schaffen es bis ins Erwachsenenalter, vier Geschwister sterben direkt nach der Geburt. Schicksalsschläge, die viele Frauen dieser Zeit treffen, wie Regina Frenkers Nachforschungen ergeben haben. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit ist extrem hoch – Krankheiten, schlechte Versorgung, Mangelernährung und fehlende medizinische Behandlung sind die Ursachen.

Die Sache mit den Gefühlen
Fragen, die Regina Frenker immer wieder beschäftigen: Wie wurden solche Schicksalsschläge verarbeitet? Haben die Menschen Gefühle zugelassen? Hat der Glaube geholfen oder gab es so viel Arbeit, dass gar kein Platz für Trauer blieb? Eine Antwort hat sie nicht bekommen.

1926 sterben Dina und ihr Ehemann kurz hintereinander. Aufschlussreich sind die Totenzettel der Eheleute; sie geben Auskunft über den unterschiedlichen Status der beiden Geschlechter: Dina erscheint dort lediglich als Frau Ww. Heinr. Fier. Ihren Namen erfahren wir im Kleingedruckten. Auch wenn Dina seit 1919 wählen darf, von der Gleichstellung von Mann und Frau ist noch lange keine Rede.

Zumindest aber in Sachen Bildung tut sich etwas. Von Großmutter Luise existiert ein „Schul-Abgangs-Zeugnis“. Allerdings sind die Lerninhalte für die Mädchen sehr beschränkt, da sie ja „ohnehin ihrer Berufung als Ehefrau und Mutter folgen würden“.

Luise folgt dieser „Bestimmung“ erst mit 39, als sie Bernhard Fier heiratet. Den Neffen, die sich Hoffnung auf das Erbe gemacht hatten, machte das Ehepaar schon bald einen Strich durch die Rechnung. Bereits ein Jahr nach der Hochzeit wird Tochter Maria geboren, und wieder ein Jahr später folgt Hoferbe Heinrich.

Von Oma Maria (mütterlicherseits) gibt es auch dank ihrer Tochter Mia, jüngstes von sieben Kindern, sehr viel zu erzählen. Zum Beispiel, dass sie eine gute Schülerin war. Ihre Enkelin Regina erinnert sich gut an die Rechenaufgaben, die ihr die Oma stellte, und an den „Lohn“ für die richtige Lösung: eine Rosine. Aufschlussreich für die damalige Rollenverteilung ist ein Ausspruch des Großvaters, der die erneute Schwangerschaft seiner Frau so kommentiert haben soll: „Was sollen wir mit so vielen Kindern?“

Bemerkenswert ist bereits, wie es zur Eheschließung mit Großvater Gerhard gekommen war: Beim Beerdigungskaffee seiner Mutter macht er Nachbarin Maria (28) überraschend einen Heiratsantrag, den die fromme Maria erst nach Zustimmung des Pastors annimmt.

Sieben Kinder bekommt das Paar. Sie entdecken erst als Schulkinder die Welt außerhalb der Bauerschaft: Den Weg zur Schule im Pfarrhaus (2,4 Kilometer) legen sie in Holzschuhen zurück; erste „Fremdsprache“ ist Hochdeutsch. Maria liegt die Bildung ihrer Kinder sehr am Herzen. So sehr, dass sie sich mit einem Rinderbraten das Wohlwollen des Lehrers sichert. Mutter Änne verlässt mit 14 die Volksschule, will Bäuerin werden und absolviert die Ausbildung für ländliche Hauswirtschaft. Tatsächlich aber ist sie nach Abschluss der Ausbildung vor allem Arbeitskraft auf dem Hof, während zwei Brüder zum Kriegsdienst eingezogen werden. Mit 24 findet sie, auch in den Augen der Eltern, den passenden Ehemann: Heinrich Fier vom Hof, sozusagen aus der Nachbarschaft. Geheiratet wird 1949, noch im Trauerjahr nach dem Tod von Großmutter Luise, im schwarzen Brautkleid mit weißem Schleier. Neben Tochter Regina bekommt das Paar zwei Söhne.

Als Letzte in der Reihe der Frauen widmet sich Regina Frenker intensiv Schwiegermutter Hedwig aus Alstätte, die als sechstes von sieben Kindern in Velen zur Welt kommt. Sie besucht die Volksschule, lernt neben Sütterlin auch die lateinische Schrift. Auch sie will Bäuerin werden, erlernt Kochkunst und Hauswirtschaft. Als auch ihre Brüder in den Krieg ziehen, müssen sie und ihre ältere Schwester auf dem Hof die fehlenden Männer ersetzen und schwere körperliche Arbeit leisten.

Im gleichen Jahr wie bei Reginas Eltern kommt es 1949 zur Heirat von Hedwig mit Bernhard Frenker-Hackfort. Eine Verbindung, die auf Empfehlung des Pastors zustande kommt. Haushalt und Kochen für die Großfamilie sowie für Mägde und Knechte bestimmen fortan den Alltag der jungen Ehefrau. Kritisch beäugt von den Schwiegereltern.

Hedwigs Leben wird durch schwere Schicksalsschläge immer wieder erschüttert. Im Geburtsjahr ihres vierten Kindes Gregor (1955) ertrinkt ihre Tochter Marianne mit dreieinhalb Jahren, ihre Schwägerin stirbt im gleichen Jahr bei einem Autounfall. Elf Jahre später kommt Sohn Gregor ebenfalls durch einen Autounfall ums Leben. 1972 stirbt Ehemann Bernhard mit nur 58 Jahren, und nur drei Jahre später verliert sie auch Sohn Norbert durch einen tragischen Unfall bei der Maisernte.

Hedwigs Mittel, um das alles zu ertragen: „Der Herrgott schickt mir nicht mehr, als ich tragen kann.“

Und dann scheint es das Schicksal doch noch gut mit ihr zu meinen. Im hohen Alter lernt sie Karl kennen, den sie mit 73 Jahren heimlich heiratet und mit dem sie 17 glückliche Jahre verbringt, bevor beide mit 91 Jahren sterben.

Und wie sieht es mit der Antwort auf die Anfangsfrage aus? Ertragen und erlitten haben sicher alle ganz viel, aber haben sie auch etwas bewegt? Regina Frenker: „Vermutlich nicht im Großen, aber sicher in ihren kleinen Lebenswelten, in ihrer Familie.“

16.05.2026 Münsterlandzeitung / Legden

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