Wilhelm Elling hielt den Ammeloer Fund fest. Erst Kurt Dröges Einordnung zeigt,warum der Akteneintrag weit über den Ort hinaus für die Schulgeschichte zählt.

Nicht auf einem Dachboden, nicht in einem Depot, sondern in alten Akten tauchte der Fund auf: 16 Schulwandbilder, die einst zum Unterricht in Ammeloe in der Stadt Vreden gehörten. Genauer gesagt wurden nicht die Bilder selbst gefunden, sondern ihre Spur.

In einem Schulinventar aus dem Jahr 1874 sind „16 Anschauungsbilder von Wilke“ verzeichnet. Für Kurt Dröge ist genau dieser knappe Satz der Hinweis auf eine frühe und äußerst seltene Serie von Schulwandbildern.

Der Nachweis wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Zwischen Karten und Wandtafeln stehen in den Akten „16 Anschauungsbilder von Wilke“. Wie Kurt Dröge betont, belegt diese Zeile aber nicht nur, dass es solche Bilder gab. Sie zeigt auch, dass sie 1874 tatsächlich zum Lehrmittelbestand einer Landschule in Ammeloe gehörten. Auch für Zwillbrock ist die Serie einige Jahre später, 1879, aktenkundig; dort haben die Bilder die Zeiten jedoch nicht überlebt.

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Wilhelm Elling im Jahr 2020. Der Lehrer, Heimatforscher und langjährige Museumsleiter hielt den Ammeloer Aktenfund zu den Wilke-Bildern bereits 1999 in seiner Arbeit über die Vredener Landschulen fest. FOTO Anne Rolvering

Ellings genauer Blick
Entdeckt hat diese Spur Wilhelm Elling. Der Lehrer, Heimatforscher und langjährige Museumsleiter hielt den Ammeloer Fund bereits 1999 in seiner Arbeit über die Vredener Landschulen fest, ohne dass seine volle Bedeutung damals schon erkannt wurde.

Elling prägte die Heimatforschung in Vreden über Jahrzehnte: Von 1965 bis 1998 stand er an der Spitze des Heimatvereins, später wurde er zu dessen Ehrenvorsitzendem ernannt. Gemeinsam mit Hermann Terhalle begründete er 1973 die Reihe „Beiträge des Heimatvereins Vreden zur Landes- und Volkskunde“, in der er selbst zu den wichtigsten Autoren zählte.

Wilhelm Elling starb am 9. März 2026.

Wie wichtig seine genaue Arbeit bis heute ist, zeigt sich am Beispiel Ammeloe. Für Dröge ist der Fall auch deshalb interessant, weil am Anfang kein spektakuläres Objekt steht, sondern eine Inventarzeile, die leicht übersehen werden konnte.

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Schulwandbild zum Thema Fluss. Die Wilke-Serie zeigte ländliche und städtische Lebenswelten und war für den Unterricht in den ersten Schulklassen gedacht. FOTO privat

„Die Bilder selbst sind höchst selten und ähnlich selten sind Nachrichten darüber, ob sie tatsächlich in Schulen benutzt worden sind“, schreibt Dröge. Genau darin liegt für ihn das Gewicht des Fundes: Der Eintrag von 1874 dokumentiert nicht nur eine Bildserie, sondern ihren tatsächlichen Einsatz im Unterricht. Nach seiner Einschätzung spricht das zugleich dafür, dass die Wilke-Bilder um die Mitte des 19. Jahrhunderts tatsächlich weit verbreitet gewesen sein dürften.

Der Hintergrund reicht weit in das 19. Jahrhundert zurück. Mit der allmählichen Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht auf dem Land wuchs zwar die Zahl der Schulen, nicht aber sofort die Zahl der Unterrichtsmittel. Gerade deshalb erklärt Dröge die Bedeutung solcher Tafeln: Sie brachten große, für die ganze Klasse sichtbare Darstellungen in den Unterricht und machten Dinge anschaulich, die vorher nur beschrieben werden konnten.

Nach seiner Einordnung handelte es sich bei den in Ammeloe genannten Wilke-Bildern damals um die einzige in ganz Deutschland bekannte Serie solcher Schulwandbilder. Im Original ist sie heute äußerst selten.

Bilder für den Alltag
Wie der Oldenburger Volkskundler beschreibt, zeigten die 16 buntgedruckten Anschauungsbilder die Alltagswelt der Kinder auf dem Land ebenso wie in der Stadt. Zu den Themen gehörten Wohnstube, Küche, Garten, Bauernhof, Zimmer im Bauernhof, Scheune, Viehstall, Dorf, Feldernte, Obsternte, Wald, Bergwerk, Fluss, Packhof, Markt und Bauplatz.

Dröge verweist außerdem auf eine biedermeierliche Wohnstube mit klar verteilten Rollen der verschiedenen Personen und Generationen. Gerade darin zeigt sich für ihn, dass die Bilder mehr waren als bloße Anschauungshilfen: Sie entwarfen eine geordnete Welt aus Haus, Hof, Arbeit und Familie.

Was Kinder lernten
Im Unterricht lernten die Kinder mit diesen Tafeln nach Darstellung des Oldenburgers nicht nur, Gegenstände und Situationen zu benennen. Die Bilder wurden im Elementarunterricht der ersten Schulklassen eingesetzt und dienten der Veranschaulichung, der Wortschatzerweiterung und der Gewinnung von Vorstellungen, die damals als „richtig“ galten.

Auf die Frage, was Kinder mit diesen Wandbildern konkret lernten, antwortete Dröge knapp: „Um beides, und beides war untrennbar miteinander verbunden.“

Gerade darin sieht Dröge ihren kulturhistorischen Reiz. Die Tafeln vermittelten Wortschatz und Weltbild zugleich. Sie zeigen aus seiner Sicht nicht nur, wie früher unterrichtet wurde, sondern auch, welche Vorstellungen von Alltag, Familie und Ordnung Schule an Kinder weitergab.

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Schulwandbild mit Wohnstube. An solchen Bildern lernten Kinder nicht nur Gegenstände kennen, sondern auch Vorstellungen von Familie, Alltag und Ordnung FOTO privat

Die offene Frage
Ob sich aus Ammeloe selbst noch einzelne Exemplare erhalten haben, ist offen. Belegt ist der Bestand in den Akten, nicht ein heutiger Aufbewahrungsort. Kurt Dröge formuliert das nüchtern: „Die Hoffnung stirbt nie, aber es ist sehr unwahrscheinlich.“

Sicher ist nur, dass die Wilke-Bilder 1874 zum Lehrmittelbestand der Schule gehörten und am Ende des 19. Jahrhunderts durch größere und „modernere“ Schulwandbilder ersetzt wurden.

 

** Kurt Dröge ist Volkskundler und Honorarprofessor an der Universität Oldenburg. Beim BKGE wird er dem Bereich Europäische Ethnologie/Volkskunde zugeordnet. Seine Einordnung hat hier Gewicht, weil er sich seit Jahren mit Alltags- und Bildkultur beschäftigt.

 

04.05.2026 Münsterlandzeitung Vreden 


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